Internationales Tanzfest Berlin - Tanz im August 1999

"Das europäische Tanzpublikum durchlebt einen wichtigen Prozeß der Wahrnehmungsveränderung; Tanz steht auf der Schwelle zur Darbietung, zur Performance. Ein neues Erleben bildet sich für das Auge des Betrachters heraus, eine neue Form des Schreibens über Tanz wird sich anbieten, und eine neue Definition dessen, was Tanz ist, wird nötig - und zwar für jedes einzelne Werk neu." So schreibt André Lepecki in seinem in Ballett International/tanz aktuell 4/99 erschienenen Artikel über die unterschiedliche Entwicklung des Tanzes in Europa und den USA im letzten Jahrzehnt.

Ob das stimmt? An einigen Aufführungen des diesjährigen Tanzfests, z.B. den neuesten Arbeiten von Meg Stuart, Emio Greco, Jérôme Bel, wird sich diese Behauptung vielleicht überprüfen lassen.

Jedenfalls ändert sich mit der Hinwendung zur Performance auch die Rolle des Tänzers, der als Persönlichkeit und Mitschaffender weit mehr in den künstlerischen Prozeß einbezogen wird. Dem tragen wir in unserem Workshopangebot mit den beiden performanceorientierten Projekten von Goat Island und Michael Laub Rechnung, von denen Tänzer und Darsteller unterschiedlicher Sparten und Hintergründe profitieren können.

Regisseur Michael Laub wird sich im Kontext einer fiktiven Audition mit der Frage der Darstellung und der Wirkungsweise von Bewegung beschäftigen.

Die fünf Mitglieder der Gruppe Goat Island aus Chicago, in Berlin im Rahmen der Festwochen 1998 als Teil des Programms "The Next Generation" zu sehen gewesen, laden zu einem Performance-Projekt mit Tänzern und anderen Bühnenkünstlern ein, dessen Ergebnisse öffentlich präsentiert werden. Goat Island, die seit Jahren internationale "Summer Schools" in Chicago und Glasgow veranstalten, haben dieses Projekt auf Berlin zugeschnitten und werden mit den Teilnehmern unter anderem ausgewählte Orte in der Stadt einbeziehen. Unbedingt zu empfehlen!

Stephen Petronio, der im letzten Jahr mit "Not Garden" das Tanzfest eröffnete und vom Publikum gefeiert wurde, kommt wieder, um einen Composition-Workshop für Tänzerinnen und Tänzer zu leiten. Für die morgendlichen Technikklassen konnten wir Anne Marie Benati und Dennis O'Connor gewinnen.

Erstmalig bieten wir ein Dramaturgie-Seminar an, geleitet von dem - oben zitierten - Kulturanthropologen, Kritiker und Tanzdramaturgen André Lepecki.

Darüber hinaus planen wir eine Reihe von "Zwischenrufen" zur Tanz- und Performancekunst der Jahrtausendwende, die Künstler und Theoretiker vereint und thematisch um Avantgarde, Körperbilder, Repräsentation kreist. Beteiligt sind Johannes Odenthal, Ismael Ivo, Mårten Spångberg und andere.

Ulrike Becker

André Thériault